Texte zu Corona

Redaktionsteam: Axel Weigend, Christina Schneider, Gerda Prinz

Statt der WIBeN-Zeitung 2021:
Tagebuch, Texte, Gedichte, Schnipsel zu Corona
von März bis Dezember 2020

Mitte März 2020 erschien unsere WIBeN-Zeitung. Sie hatte das Thema „Lebensmittel“. Ihr erinnert euch? Wir konnten sie euch nicht – wie die Jahre zuvor – auf der Mitgliederversammlung präsentieren, denn die fiel aus: Wir waren mitten im ersten Corona-Lock-Down.

Sonst hören wir auf der Mitgliederversammlung gern Ideen für das nächste Zeitungsthema, aber nun saßen wir zu dritt am Gartentisch und Corona überschattete alles. Also entschieden wir uns, dieses Thema für die Zeitung aufzugreifen. Wir fragten WIBeN-Mitglieder an, die von den Lock-Down-Maßnahmen beruflich und/oder privat besonders betroffen sind: Persönliches Erleben des Ausnahmezustands einer Pandemie – habt ihr Lust, dazu etwas zu schreiben?  – –Wir erhielten berührende, freud- und leidvolle Artikel, alle ehrlich – auf der Ebene von „Zeitzeugen“ großartig.

Für uns im Redaktionsteam ergaben sich spannende Diskussionen über immer neue Aspekte einer Entwicklung, die, kaum angedacht, schon wieder von sich selbst und der Realität überholt wurde. Anfang November kapitulierten wird vor der Komplexität des Themas, dessen Brisanz und Dynamik für uns nicht in die Form einer Zeitung zu packen war.

Wir sind alle mittendrin, betroffen, gefangen, empört, verärgert, verzweifelt, traurig, ängstlich … tausend Empfindungen, die immer wieder wechseln – wie die Ausbreitung und die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ja auch.

Die Flut an Informationen überrollt uns, der können wir nichts hinzufügen.

Den Blick auf die Begleiterscheinungen zu richten – auf die Veränderungen in unserem Alltag, die gesellschaftlichen Verwerfungen, die wie durch ein Brennglas deutlich werden, aber auch auf die Chancen und Möglichkeiten einer solchen Krise – behalten wir uns offen, auch wenn uns ein gedrucktes Format zur Zeit nicht geeignet erscheint.

Auf alle Fälle wollen wir die Texte, die es unbedingt wert sind, gelesen zu werden, hier in diesem Format veröffentlichen. – – – Wir freuen uns, wenn ihr das ähnlich seht!!!

Ob und wie es weitergehen kann, werden wir sehen …

Christina, Gerda und Axel / kurz vor Weihnachten 2020




Ü B E R S I C H T 

1/   Axel Weigend: Corona-Schnipsel
2/   Nadja Michels: Texte
3/   Silke Düngen: Wenn ich an Corona denk …
4/   Miriam Ottweiler-Jaeger & Judith Schumacher:
      Corona-Time als Hausgemeinschaft
5/   Dorothé R. Marzinzik: Kunst in Zeiten der Pandemie
6/   Daniel Diestelkamp: Mein Corona-Tagebuch
7/   Elke Willems: The Coronation – Die Krönung

 



 

1. April 2020, 23.00 Uhr, tagesthemen / Tablet-Zeichnung

Axel Weigend, Grafik-Designer im g.r.i.p.s, Flammersfeld, und Leitung der Jugendkunstschule Altenkirchen


Corona-Schnipsel

23. April  /  Heute ist der Tag des Nasenbohrens. Die Ölpreise stürzen ab (Rheinzeitung, taz). Ich bin bereits um 7.15 Uhr im Büro. Habe mir fast die Nase abgefroren beim Radfahren. Auf meinem Schreibtisch finde ich eine wunderschöne Schutzmaske, die eine Büro-Kollegin in ihrem „Landnaht-Studio“ hergestellt hat. Leider verlässt sie uns. Da ist er wieder, der Unheimliche.

27. April 
Die Welt steht still.
Nun ja, sagen wir mal fast.
Und wir lassen uns das Milliarden kosten.
Das ist doch schon mal was.
Das könnte uns doch anregen, darüber nachzudenken, ob das alles so richtig ist (war), wie es bisher gelaufen ist.
Oder.
Führt das wohl möglich dazu, dass sich die Ungerechtigkeiten nur noch beschleunigen werden?

Mein neuer Favorit zum „Wort des Jahres“ ist Systemrelevanz.
Voll cool. So könnte es sein. Krankenpfleger*innen, LKW Fahrer*innen …
Aber bestimmt auch Musiker*innen, Künstler*innen, Sozialarbeiter*innen, Gastronomen … Sie alle sind systemrelevant, sorgen für die Erhaltung unserer von Nachhaltigkeit so wie sozialem, gesunden und friedlichem Miteinander geprägten Gesellschaft.

3. Mai  /  Nach zwei Monaten habe ich das erste Mal den Kreis Altenkirchen verlassen und mich auf den Weg in das Ruhrgebiet begeben. Ein wenig schwingt die Neugierde mit. Habe ich mich in den letzten Wochen doch ausschließlich, meistens mit dem Fahrrad, in meinem Aktionsfeld Seelbach, Flammersfeld, Altenkirchen bewegt, rolle ich nun auf der Autobahn Richtung Essen, um meine Eltern zu besuchen. Ausführlich werden zur Zeit die ersten Lockerungen der Pandemie-Verordnungen diskutiert.
Morgen soll bei uns der zaghafte Versuch starten, den Schulbetrieb wieder zu eröffnen.
Am Baldeneysee in Essen, einem beliebten Ausflugsziel, ist – polizeilich geregelt – richtig viel Betrieb. Flaneure, Jogger, Radfahrer, Parkplatz suchende Autos.
„Ach, wie schön, dass du uns mal besuchen kommst.“
Unser Begrüßungsverhalten ist etwas unsicher. Keine Umarmung, fast hätten wir uns die Hand gegeben. Der Kaffeetisch ist wunderschön gedeckt. Es gibt Erdbeerkuchen.
„Aber, hast du keine Angst, dass wir dich anstecken könnten?“



 

Nadja Michels, Texterin, Mitarbeiterin in g.r.i.p.s., Flammersfeld

März 2020  /  Dank COVID-19 habe ich endlich Zeit, den Blütenstaub von letztem Jahr von den Fenstern sauberzuwischen, bevor der nächste kommt. Ich folge Drostens NDR-Podcast, verfolge die Kurve der Infiziertenzahl, lese von Gesängen auf italienischen Balkonen. Singe mit meinem Sohn Kinderlieder. Tanze mit ihm durchs Wohnzimmer. Im Garten spielen wir Fußball, bauen das Zelt auf, schaufeln ’ne Menge Erde für die Hochbeete und fühlen die frühlingswarmen Sonnenstrahlen auf unserer Haut. Seitdem er nicht mehr in die Kita darf, genießen mein Sohn und ich die gemeinsame Zeit. Wir erkunden die Gegend, streifen über Felder und durch Wälder, sammeln Stöcke, beobachten Käfer, sitzen am Bach und erzählen Fantasiegeschichten. Insgeheim hoffe ich, ganz heimlich, dass Corona noch ein bisschen uns begleitet. Die freie Zeit ist wunderbar und lässt uns aufatmen. Für mich selbst habe ich zwar wenig Zeit, aber die kleinen Freiräume genieße ich sehr bewusst. Dann ist mein Sohn bei seinem Vater und ich schreibe oder höre Musik.
Wie uns geht es vielen anderen Familien. Wir Eltern haben Zeit und werden kreativ. Das hektische Abgeben im Kindergarten morgens fällt weg, das wilde Wegorganisieren in Sportkurse und andere Nachmittags-
programme passiert nicht mehr. Ich stelle mir auch vor, wie sich die Wirtschaft nun neu organisiert. Eine ressourcenorientierte Wirtschaft, die sozial und ökologisch tätig ist, für eine gesunde Gesellschaft und Umwelt. Eine hübsche Idee.

April 2020  /  Die Wohnung ist sauber, der Garten vorbereitet, und kein Regen in Sicht. Wir genießen die Sonnentage, kochen am Lagerfeuer, doch wird mir langsam mulmig. Seit sieben Wochen kein Tropfen. Ich mache mir Sorgen um den heimischen Wald, die Äcker, die Feuchtbiotope. Dies, zusammen mit der Meldung der Bundesregierung, erstmal keine Lockerungen vorzunehmen, trübt meine Stimmung. Mein Sohn ist ungeduldig, häufig schlecht gelaunt. Will kein Fußball spielen, keine Frisbee werfen, keinen Spaziergang mehr unternehmen.
Wir werden lethargisch. Younes guckt mehr fern als mir lieb ist. Doch ich habe nicht die Energie, ihn in Dauerschleife zu unterhalten. Er ist Einzelkind und er sehnt sich nach Kindern. Er sieht kein einziges, seit vielen Wochen. Ich mache mir Sorgen, was das für seine kindliche Entwicklung bedeutet. Glücklicherweise teilen wir uns die Gärten mit den anderen Hausbewohnern. Und begegnen den anderen draußen. Mit Abstand natürlich. Für Younes ist es ein kleiner Trost, aber kein Ersatz für das Spielen mit Kindern. Ich gebe mir ehrliche Mühe, mit ihm Mutter-Vater-Kind und ähnliche Rollenspiele zu spielen, doch ich mache es nicht mit ausreichender Motivation. Er merkt es. Wir streiten uns häufiger.
Die Nachrichten sagen, die Kitas würden eventuell noch bis August geschlossen bleiben. Ich atme tief. Kann nicht glauben, was das für uns bedeutet. Fühle Dankbarkeit, dass ich auf solch einem schönen Fleckchen Erde wohne und nicht in der Stadt, und fühle gleichzeitig meine blanken Nerven. Bald wird Younes seinen Papa besuchen. Ich habe dann nicht die Kraft, an meinem Blog zu schreiben, sondern liege im Garten, beobachte die nistenden Vögel im Apfelbaum und lasse den Tag verstreichen. Sammle Kraft.
Eines wird mir in meiner Melancholie klar: Wir sind eine Solidargemeinschaft, auf vielen Ebenen. Hier in der Hausgemeinschaft, in der wir uns absprechen, wer als nächstes einkauft. Hier im Dorf, wo Mundschutze genäht werden. Aber auch hier in Deutschland, in denen der Bund und die Länder Regeln vereinbaren, die wir für gut oder schlecht befinden können. Und die globale Solidargemeinschaft. Wir sitzen zu achtmilliardend im selben Boot und schippern auf unruhiger See. Zur Corona-Krise wird es so deutlich wie zu keiner anderen. Corona trifft uns alle in ungeheurer Schnelligkeit. Es ist ein gutes Gefühl, nicht allein zu sein, sondern mit vielen anderen Menschen verbunden zu sein, die auch versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.



 

Silke Düngen / April 2020

„Wenn ich an Corona denk´…“
Gedankenfetzen, vorher – während – nachher

 Im Unbewussten 
Mitte April hatte ich das erste Mal einen Traum, in dem Menschen Schutzmasken trugen.

 Im Verkehr 
An der „großen“ Kreuzung in Flammersfeld muss man nicht mehr anhalten; es kommt sowieso keiner.
Prognose: Die Zahl der Verkehrsunfälle wird „nach Corona“ rapide ansteigen, bis wir uns wieder an Gegenverkehr gewöhnt haben.

 Im Westerwald 
Ich bin bekennendes Land-Ei. In der derzeitigen Situation gehören wir auf dem Land in jedem Fall zu den Privilegierten, haben mehr Freiräume, im wahrsten Sinne des Wortes.

 In der Tierwelt 
Der Rückzug der Menschen und Fahrzeuge wird von Seiten der Natur schnell registriert, Straßenräume werden zurück erobert, Katzen schlendern tiefenentspannt über die Straße, Rehe äsen am Wegesrand …
Prognose: Wenn der Mensch die Straßen wieder beherrscht, wünsche ich der Tierwelt, dass sie das genauso schnell registriert.

 In der Kultur 
Die Newer där Kapp-Sitzung war die letzte Großveranstaltung im Roten Haus. Seitdem ist es ruhig geworden. Auf allen Bühnen dieser Welt. Die Tragödie spielt nur noch im echten Leben. Aber es gibt auch Positives: Das Oktoberfest wurde abgesagt. Bei Weiß-Blau-, Weiß-Wurst- und Weiß-Bier-Fans geht ein Raunen durch die Reihen. Ich persönlich bin da leidenschaftslos. Hauptsache, am 11.11. ist alles wieder im Lot :-)

 In wirren Köpfen 
Unbekanntes lässt uns seit jeher an Übernatürliches glauben. Der Vulkanausbruch als Rache Gottes, die Sintflut sowieso. Alternativ werden Sündenböcke gesucht und gefunden. Das ist diesmal schwerer, weil alle betroffen sind. Für Intrigen und Verschwörungstheorien ist aber noch Platz: Der Virus als biologische Waffe, die außer Kontrolle geraten ist. Der Virus als globale Aktion der Fridays for future-Bewegung, um innerhalb kürzester Zeit die Weltwirtschaft runter zu fahren und damit den CO2-Ausstoß enorm zu verringern. Oder vielleicht doch die Rache Gottes?

 In den Medien / Teil 1 
Dank Covid 19 droht dieses Jahr kein Sommerloch, es gibt immer was zu berichten. Die ersten beiden Wochen waren informativ und aufklärend, seitdem ist im Grunde alles gesagt. Aber bis zur Entdeckung eines brauchbaren Medikaments oder wahlweise eines Impfstoffes werden weiterhin Spezialsendungen und Talkrunden produziert. Und sonst? Was war nochmal in Syrien? Krieg? Flüchtlinge? … Wieso, was stimmt denn nicht mit unserem Klima? Raubbau im Regenwald? Interessiert doch nicht. (Liste sehr unvollständig.)

 In den Medien / Teil 2 
geschlossen – abgesagt – verschoben.
Mein Lieblings-Satz in der taz: 2020 auf 2021 verschoben.

 In der Familie / Teil 1 
Die erzwungenen Ganztags-Familienzusammenführungen bergen Konfliktpotential, bieten aber auch die Chance, diese Menschen, die mit mir den Nachnamen und die Adresse teilen, nochmal neu und bewusst kennen zu lernen.

 In der Familie / Teil 2 
Es gibt alte und neue Familienmitglieder. Die alten sind im wahrsten Sinne des Wortes die „Alten“. Isoliert. Diesmal mit gutem Grund?
Und die neuen? Die Dauerpräsenz von einigen Menschen fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl, Herr Drosten zum Beispiel gehört mittlerweile zur Familie.

 In der Familie / Teil 3 
Ich bin gespannt, ob die Geburtenrate ab etwa Dezember 2020 ansteigt … Und falls sich dann noch bewahrheitet, dass vor allem ältere Menschen infolge der Viruserkrankung versterben … Ob man ähnlich wie im Verlauf der Aktienkurse auch in den Demographie-Pyramiden das Corona-Jahr ablesen kann?

 In unserem Wortschatz / Teil 1 
Bei Stadt-Land-Fluss gibt es mit Virologe endlich eine Alternative zum Veterinär. (Natürlich gibt es auch noch andere, z.B. Verkäufer, Versicherungskaufmann, Visagistin, aber wenn man alle aufzählt, ist der Witz dahin.) Systemrelevant hat vermutlich gute Chancen, zum Wort des Jahres zu werden.

 In unserem Wortschatz / Teil 2 
Gespräche drehen sich ausschließlich um Corona-Bedingtes wie selbstgenähten Mundschutz und Probleme im Homeoffice. Die Frage „Wie geht’s?“ wird stets als „Wie geht’s dir/euch in der Corona-Krise?“ verstanden. Positiv: Allgemein ist der Umgang miteinander freundlicher geworden, so mein Eindruck. Auffallend oft schließen E-Mails und Telefonate mit dem Wunsch „bleib gesund“.

 In der Versorgung / Teil 1 
In den letzten mindestens 15 Jahren habe ich keine Hefe gekauft. Das geht. (Achtung, Wortspiel!) Eine Rolle Klopapier reicht für mehrere Wochen.

 In der Versorgung, Teil 2 
„Der Supermarkt, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2020“ (frei nach „Enterprise“). Einkaufen als Tages-Event, als Abenteuer, aufregend, mit Verkleidung und reglementiertem Eintritt. Wenn man auf etwas geduldig warten muss, erhöht das den gefühlten Wert. Neidvolle Blicke liegen auf denen, die ganz vorne in der Schlange stehen. Die Schlange ist lang. Auch wegen der Abstandsregelung. Abgezählte Kundschaft schleicht gespenstisch still durch die Gänge. Wenn man sich dennoch begegnet, heißt es Luft anhalten und großräumig ausweichen. Es wird nicht mehr gesprochen, fast meint man, auch nicht mehr geatmet, bis man wieder an der frischen Luft ist. Draußen. Erst im eigenen Auto wähnt man sich wieder in Sicherheit.

 In der Ruhe … 
liegt die Kraft. Viele Menschen, denen ich (natürlich mit gebührendem Abstand) begegne, nehmen die neue Ruhe als wohltuend wahr. Weniger Autofahrten, keine Freizeittermine, nur nötigste Einkäufe. Und bemerken, dass dieses teilweise Herunterfahren nicht zwangsläufig einen produktiven Einbruch bewirkt. Es bleibt spannend, ob und wie viel davon wir uns in die Zeit „nach Corona“ herüber retten können.



 


Die Hausgemeinschaft in der alten Schule in Helmeroth besteht aus zwei Familien:

Miriam (Diplom-Pädagogin) mit ihrem Mann Alioscha (Zimmerer) und den Kindern Maja (11), Mio (9), Helmi (4) und Tammo (6–12 Monate) und

Judith (Tagesmutter) mit ihrem Mann Benjamin (IT-Fachmann) und ihren Kindern Lasse (9), Ronja (7) und Antje (6–12 Monate)

Miriam Ottweiler-Jaeger & Judith Schumacher
Corona Time als Hausgemeinschaft / 13. März bis 2. September 2020

Natürlich haben wir uns auch schon vor dem 13. März Gedanken um den Corona-Virus gemacht, haben die Bilder aus China, Italien und Frankreich gesehen und die Sorgen in Österreich mitbekommen. Eine Schulver-anstaltung an der Erich-Kästner-Grundschule in Altenkirchen wurde schon in der Woche vorher abgesagt.

Dennoch hat uns der Lockdown unglaublich überrascht.

Entsprechend verbrachten wir den 13. März, Benjamins Geburtstag, mit Spekulationen, dem Entwerfen von Zukunftsszenarien, aufgeregten Kindern und Kuchen. Miriam befand sich noch in Elternzeit. Judith hatte gerade zwei Wochen vorher angefangen, ein neues Tageskind einzugewöhnen, Benjamins ElterngeldPlus Monat (Elterngeld, das man neben einer Teilzeitbeschäftigung beziehen kann) sollte am 17. März beginnen und Alioscha war Vollzeit-Student der Meisterschule.
Die Bedingungen waren also eigentlich ganz gut. Am Montag war dann klar, dass die Meisterschule auch schließen würde, das Tageskind zunächst nicht mehr kommt und Benni und Judith beide volles Elterngeld beziehen können.

Die Möglichkeit, die Kinder daheim zu beschulen, hatte anfangs seine Reize. Wir starteten erst um halb neun, machten erst mal eine Bewegungseinheit und bearbeiteten dann die Arbeitspläne der Schule. Glücklicherweise  haben wir sehr gute Schüler und Schülerinnen, die motiviert und zügig ihre Aufgaben erledigten, so dass wir trotz des späteren Beginn um zwölf bereits fertig waren und uns der freien Zeit widmen konnten.
Vier Schulkinder aus drei verschiedenen Schulen und vier verschiedenen Klassen, alle an einem Tisch, ein Baby mit im Raum, manchmal noch ein Kita-Kind dazu, und trotzdem schafften sie es meistens, sich zu konzentrieren. Tagespläne, Wochenpläne, Kommunikation über die Schulcloud, Erklärvideos, die Sendung mit der Maus als Schulaufgabe, jedes Kind an einem anderen Endgerät, aber es klappte. Der frühere Schulhof unseres Hauses war plötzlich wieder einer.

Und der Frühling spielte uns in die Hände.

Es folgten vier Wochen, in denen wir alle elf die ganze Zeit zu Hause waren.
Wir teilten uns die Arbeit. Miriam leitete die Kita im 1. Stock, Judith die Schule im Schulsaal, Benjamin und Alioscha erledigten viele Arbeiten im und ums Haus.
In Helmeroth an diesen hell-gleißenden Frühlingstagen im großen Garten und an der Nister war das Corona-Geschehen sehr weit weg und kaum präsent. Die größte Veränderung bestand in dem stark erhöhten Aufkommen an Wanderern und Fahrradfahrern – wahrscheinlich der einzige Ort, an dem mehr statt weniger Menschen als normalerweise unterwegs waren.
Sätze wie: „Was für ein Glück, dass wir auf dem Land wohnen, mit so viel Platz und so vielen Kindern in einem Haus, die miteinander spielen können!“ wurden in diesen Wochen oft gesagt oder gedacht. Und tatsächlich hatten wir großes Glück und viel Spaß: Wir bauten mit den Kindern ein Floß, mit dem sie über die Nister schipperten, vergrößerten unseren Nutzgarten, bepflanzten ihn, ließen Drachen steigen, brachten die Badezimmer-Baustelle voran, reinigten Rohre, installierten einen Kletterbaum und schmiedeten viele weitere Pläne. Lauter Dinge, für die im Alltag mit vielen Kindern und Berufstätigkeiten so oft keine Zeit bleibt. Da wir eh keine großen Pläne für die Osterferien gehabt hatten, betraf uns der Reisestopp nur insofern, als dass wir uns über den kondensstreifenlosen Himmel freuten.
Alles in allem hatten wir eine tolle Zeit. Nur die abendlichen Nachrichten erinnerten uns daran, dass es längst nicht jedem so gut ging wie uns.

Nach den Ferien änderten sich dann aber auch für uns die Vorzeichen.

Die Schulen nach wie vor geschlossen, keine vernünftige digitale Alternative in Sicht. Immerhin konnte Alioscha über Web-Seminare die Schule wieder aufnehmen, die Kinder saßen aber nach wie vor mit ihren unterschiedlichen Konzepten im Schulsaal bzw. der Ein-Kind-ein-Baby-Kita und verloren langsam die Motivation. Die Tages- und Wochenpläne wurden arbeitsintensiver, die Erklärvideos häufiger, denn es wurde nun auch neuer Stoff eingeführt. Judith musste mehr erklären und vor allem auch mehr motivieren. Die Anfangszeit verschoben die Kinder selbständig durch Nicht-Erscheinen auf zehn Uhr, dann auch mal auf elf, der Stoff musste dann also zum Teil auch nachmittags nachgeholt werden.

Und nicht nur bei uns in der Alten Schule ging die Harmonie öfters mal verloren. Lagerkollererscheinungen häuften sich. Besonders Helmi, mit ihren vier Jahren das einzige Kind im Kindergartenalter, fing an, ihre Freunde schwer zu vermissen, mit sich selber zu sprechen und war zunehmend unausgeglichen.

Aber auch zwischen den Erwachsenen kam es häufiger zu Spannungen, gemeinsame Projekte entweder erledigt oder auf Eis gelegt, jeder wollte mal einkaufen, mal raus aus Helmeroth.

Unsicherheit machte sich mehr und mehr breit.

Jegliche Planung, sei es der Jahresurlaub, die Abschlussprüfung, die Rückkehr zur Arbeit und in die Schule erwies sich als unmöglich und so schwupperten die Tage dahin. Es war klar, dass sich langsam etwas ändern musste.

Auf einem Hausabend wurde beschlossen, dass zumindest Helmi soziale Kontakte ermöglicht werden müssten und dass die anderen Kinder ebenfalls bald wieder einen externen Spielpartner brauchen.
Glücklicherweise fiel diese Entscheidung mit einer der Corona-Lockerungen zusammen, wonach der Kontakt zu einer anderen Familie wieder erlaubt wurde. Die Lage entspannte sich etwas.

Aber die Unsicherheit, was man im Umgang mit anderen jetzt machen darf und was nicht, dass soziale Kontakte und Körperkontakt auf einmal etwas Unnormales sind, war nach wie vor gruselig. Die Großeltern, sonst ein fester Bestandteil des sozialen Gefüges, hatten wir wochenlang gar nicht gesehen. Jetzt fingen gegenseitige Besuche zögerlich wieder an. Gelegentlich auch andere Freunde, aber immer auf Abstand, immer im Freien, immer mit Desinfektionsmittel im Bad, immer irgendwie eigenartig.

Vor den Sommerferien kamen die Lockerungen dann hochfrequenter. Im Wochentakt wurde immer mehr gesellschaftliches Leben wieder erlaubt, aber die Schulen waren immer noch geschlossen, die Kita immer noch zu. Der Frust nahm zu. In der politischen Landschaft schien die 14 Tage Inkubationszeit plötzlich nicht mehr zu existieren, Friseure überlebenswichtig, aber die Schüler mussten sich nach wie vor daheim selber motivieren, in dem Wissen, dass eh keine Noten mehr verteilt werden.

Helmi bastelte immer noch alleine vor sich hin.

Dennoch nahmen unsere sozialen Kontakte wieder zu. Die offizielle Erlaubnis, sich auch in größeren Gruppen wieder zu treffen, wurde dankbar angenommen. Nur die Babys fremdelten. Die Zeit mit allen daheim war für die beiden natürlich einerseits toll, weil sie ihre großen Geschwister und beide Eltern die ganze Zeit um sich hatten, aber Fremde hatten sie nun sehr lange nicht gesehen. Anfangs waren sie kaum abzusetzen, wenn Besuch da war.

Und dann endlich durfte Mio in NRW ein paar Tage die Woche wieder in die Schule. Alioscha konnte maskiert wieder in die Meisterschule. Maja und Lasse hatten jeweils eine Woche Schule, dann wieder eine Woche daheim. Ronja war in dem gesamten Halbjahr lediglich die letzten vier Tage in der Schule, aber immerhin konnten sie alle die Hälfte ihrer Klasse noch einmal sehen, bevor es in die Ferien ging. Nur Helmi konnte nicht in die Kita, weil sie an den kümmerlichen paar Tagen mit Anspruch frustrierenderweise krank war.

Seitdem hat sich ja alles ziemlich normalisiert.

Wir konnten relativ problemlos in den Urlaub fahren, das Treffen von Freunden ist zumindest im Moment gut möglich, die Babys haben sich an fremde und maskierte Gesichter gewöhnt und die Schule hat ja nach den Ferien auch mehr oder weniger normal gestartet.
Judith und Miriam arbeiten wieder und Benjamins 2. Elternzeit endet nun auch. Alioscha ist inzwischen Meister seiner Zunft und bereitet seine Selbständigkeit vor.

Alles in allem haben wir den Lockdown ziemlich gut überstanden. Wir hatten aufgrund unserer gemeinschaftlichen Wohnsituation sicherlich mehr sozialen Kontakt und gegenseitige Unterstützung als viele andere Menschen während dieser Zeit. Wir haben viel Platz, wohnen in einem Urlaubsgebiet und haben die Zeit ohne große finanzielle Einbußen überstanden. Natürlich gab es Streitigkeiten, Frust und Planungsunsicherheiten. Aber verglichen mit kollabierenden Gesundheitssystemen, allein Lebenden, Familien in Stadtwohnungen, vernichteten Existenzen, Arbeitslosigkeit und abgehängten Schülern können wir da nur von Luxusproblemen sprechen.

Trotzdem hoffen wir sehr, dass die 2. Welle ohne Lockdown ablaufen kann, denn wer weiß, wie es das nächste Mal klappt?

Helmeroth, 2. September 2020



 

Dorothé R. Marzinzik, Kunsthaus Wäldchen, Forst
Kunst in Zeiten der Pandemie

Der Lockdown im März und April 2020 hat der Wirtschaft geschadet – aber die Menschen?
Nun, nach einem halben Jahr, erholt sich die Wirtschaft, sagt der Staatsminister – die Industrie, der Handel, die Dienstleistung – aber die Kunst?
Kunst – ein Bild, ein Klang, ein Wort – ist ein ganz und gar nutzloses Geschäft. Wie ein Kind. Oder hatte irgendjemand zur Geburt eine Kalkulation des neuen Lebens?
Kunst – das Gehörte, das Gesehene, das Gespürte – ernährt uns, wie unsere Kinder. Und sollten wir ohne diesen Raum der Kunst leben wollen, werden wir gesättigt von wirtschaftlichem Reichtum doch verhungern.
Haben wir also die Chuzpe (jiddisch: Frechheit, Anmaßung, Dreistigkeit) zu sehen, zu hören, zu staunen und – mit Abstand – zu singen. Und eine Welt zu bauen, die in Schönheit aufwacht.
Gehen wir jeden Tag einen Schritt weiter. Nicht nur in den Notwendigkeiten, auch in der Kunst.

September 2020



 

Daniel Diestelkamp und Dorothé R. Marzinzik sind Musiker, Musikpädagogen und Komponisten. Seit 1994 betreiben sie das Kunsthaus Wäldchen, eine freie Bildungswerkstatt und Veranstaltungsort im Drei-Kreise-Eck Altenkirchen-Oberberg-Rhein-Sieg auf der Landesgrenze nach NRW. – – Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Kulturelle Bildung und Neue Musik/Performance. Sie haben mit der „Ästhetisch-musikalischen Grundbildung“ einen praxisbezogenen elementarpädagogischen Ansatz entwickelt, den sie in Kita, Schule, in Fort- und Weiterbildung sowie an Berufs- und Hochschule vermitteln. Als Komponisten und Performer sind sie u.a. im Kultursommer RLP und im In- und Ausland solistisch und mit Ensembles tätig.
www.kunsthaus-waeldchen.de     www.kubiland.de

 

Daniel Diestelkamp

Mein Corona-Tagebuch

28. Januar 2020  /  Erster Corona-Fall in Deutschland wird bekannt gegeben. Die Stimmung ist: Schnell lässt sich die Sache klären, die entsprechenden Personen isolieren und die Sache wieder aus der Welt schaffen.

28./29. Februar
  /  Doppeltägiges Seminar mit Berufspraktikant*innen an der Berufsschule. Am zweiten Tag sind nur noch 5 von 12 Teilnehmer*in-nen anwesend. Viele sind krank. Die Stimmung ist: Was wird jetzt noch kommen? Diese Veranstaltung sollte für fast drei Monate die letzte Fortbildungsmaßnahme bleiben.

9.–13. März 
 /  Projektwoche an einer Sprachförderschule mit 81 Kindern. Zu Beginn der Woche begrüße ich die Kolleg*innen in der Schule noch mit Handschlag. Am Ende gibt es das nicht mehr.

13. März
  /  Abschlusspräsentation mit 75 Kindern, 6 Lehrer*innen und 45 zuschauenden Eltern, Großeltern und Geschwisterkindern. Im Anschluss kommt die Ankündigung und Aufforderung der rheinland-pfälzischen Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD): Noch am gleichen Tag wurde in jeder Schule eine Schulkonferenz einberufen.

16. März
  /  Schulen und Kitas sind geschlossen.

18. März  /  
Die Lebenshilfe e.V. sagt Fortbildungen ab.

20. März
  /  Der Veranstaltungspartner Katholisches Bildungswerk sagt bis Ende April alle Fortbildungen ab.

21. März  /  
Jetzt jeden Abend am Waldrand. Ich entdecke den Dachsbau. Es ist soooo still …

23. März  /  
Das Problem ist das Sortieren. Das Sortieren der Dinge. Es ist plötzlich viel Zeit da. Dazu strahlendes Frühlingswetter. Es könnte Urlaub sein. Nun sagt man sich aber, jetzt kannst du alles machen, was liegen geblieben ist, was man eigentlich dann immer schon in den Ferien machen wollte, dann aber da auch nicht macht. Also was nun, Urlaub oder Arbeiten? Und wo fange ich an? Wenn ich jetzt das anfange, entgeht mir jenes … Was ist wichtiger? Und dann die Ungewissheit über die Zukunft (wird es finanziell eng für uns?) und die Szenen über die vielen Tote in Italien, Spanien und New York …
Oft jetzt Unzufriedenheit abends, weil ich das Gefühl habe, nichts geschafft zu haben. Üben, ja, aber es muss ein Ziel haben. Ein Freund erzählt, er habe sich einen weiteren Kontrabass gekauft, den er für ein ganz bestimmtes Ensemble einsetzen wollte. Er hat ihn wieder zurückgegeben, weil das Ensemble sich nicht trifft und er nicht mehr weiß, warum er dann dafür an diesem Instrument üben sollte. Ich schäme mich, weil ich mich wieder nach dem „normalen“ Arbeitsalltag sehne. Und eigentlich hatte ich doch immer den Anspruch, als „Freiberufler“ auch gut selbstbestimmt die Zeit einteilen zu können – nach dem Motto „Frei-Zeit und Arbeits-Zeit gehen fließend ineinander über“. Nun fällt mir der Kafka-Satz ein: Weit und breit kein Schüler – du bist die Aufgabe!

30. März
  /  Wir beantragen den Corona-Soforthilfe-Zuschuss. Erste Kolleg*innen in NRW haben schon eine Sofortzahlung von 2000 € auf ihrem Konto. Wenn man da aber nicht schnell genug ist, bekommt man nichts mehr!

1. April  /  
Wir schließen unseren kleinen Musikunterrichtsbetrieb.

2. April
  /  Arbeiten an kleinen Hörspielen.

3. April
  /  Aufnahmen zum digitalen Weiterleiten an Kinder, Lehrer*innen und Erzieher*innen

4. April
  /  Jetzt kommen auch Stornierungen für unsere Ferienwohnung, die wir anbieten. Andere verschieben ihren Besuch auf nächstes Jahr.

5. April / 
Kommunikationsprobleme mit und unter den Lehrer*innen. Darf ich eine Mail an eine private Adresse einer Lehrerin schicken? Der Schulleiter fühlt sich nicht mit einbezogen. Die Kolleginnen antworten nicht, weil sie erst abwarten, was der Schulleiter sagt. Der antwortet aber erst nach Tagen. Ich weiß nicht, woran ich bin.

16. April / 
Start von Bundesprogrammen zur Förderung von Kultureinrichtungen. Erster Antrag eingereicht.

21. April / 
Die Corona-Soforthilfe ist auf unserem Konto.

25. April / 
Unsere erste Fortbildungsmaßnahme nach Schulöffnung (wieder Berufsschule, mit Stuhlkreis, weit auseinandergestellt, Masken im Flur, nur zwölf Menschen im Haus).
Zum Teil sehr deprimierende Rückmeldungen in der Austauschrunde auf die Fragen: „Wie geht’s Ihnen persönlich?“ und „Wie geht’s in der Einrichtung?“
– – –
Wieso haben wir das hier alles gelernt über „Kindeswohl“ und „Denken vom Kinde her“, „Partizipation“ und „Situation“, wenn jetzt niemand über die Sichtweise von Kindern spricht und keiner sie fragt, wie das alles für sie ist?
– – – Bei uns in der Kita passiert gar nichts. Da sitzen jetzt immer die gleichen vier Erzieherinnen mit zwei Kindern. Die andern sind Risikogruppe und sollen im „home-office“ bleiben.
– – – Wenn das so weiter geht, haben wir ganz bald riesige Probleme mit seelisch und körperlich gezeichneten Kindern.
– – – Eine fünfjährige erzählt zu Hause: „Ich bin gar nicht mehr die Maja aus der Kita“.
– – – Eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern und Berufspraktikantin sagt: Das geht nicht mehr so. Ich kann nicht mehr. Wieso gibt es nicht kleine Verbesserungen auch für Kinder. Jedes Kind darf sich zum Beispiel jetzt einen Freund im Dorf suchen, mit dem er regelmäßig spielen kann …

28. April
 / Ringen mit den Algorithmen.

4. Mai
 / Re-Start in der Schule. Lerngruppen in zwei Klassen beginnen wieder. Musik machen auch mit Singen. Die Kinder sind wahnsinnig bemüht mit den Regeln. Interviews mit Kindern und mit einer Familie. Die Kinder machen sich Sorgen um Oma und Opa.

11. Mai 
/ Ein 34-jähriger junger Mann aus der Familie meiner Schwägerin wirft sich bei Stuttgart vor den Zug.

17. Mai
 / Jetzt kommen viele Anfragen für die Ferienwohnung. Wir müssen ein paar Dinge klären. Dürfen Gäste aus verschiedenen Haushalten (befreundete Familien) gleichzeitig bei uns wohnen?

18. Mai
 / Das Singen in der Schule wird verboten.

19. Mai
 / Re-Start mit dem Angebot wieder in einer Kita. Es gibt kein Problem mit Singen.

20. Mai
 / Ich treffe mich mit einer Verwandten. Sie steht auf der Seite der Corona-Leugner. Bill Gates ist an allem Schuld und es ist nur eine etwas stärkere Grippe. Der Presse kann man nicht trauen. Den Zahlen aus anderen Ländern erst recht nicht! Wir werden alle zwangsgeimpft! Ich traue meinen Ohren nicht, als ich das höre!

25. Mai
 / Eine Freundin verliert beide Eltern innerhalb von einer Woche in einem von Infektionen befallenen Seniorenheim in Köln.

27. Mai
 / Ein Bundestagsabgeordneter überreicht uns eine erste Förderzusage. Weitere folgen …

2. Juni
 / Wir lassen wieder – unter Hygiene-Auflagen – Klavierschüler ins Haus. Ein Vater reagiert, als wir ihn bitten, das Kind nur abzugeben und (noch) nicht selbst mit ins Haus zu kommen: „Wie, seid ihr jetzt auch im Corona-Wahn?“

22. Juni – 1. Juli
 / Projektwochen in der Schule. Wir haben die Erlaubnis zu einem Tanz-Projekt und einem Kunstprojekt unter AHA-Bedingungen (AHA = Abstand Hygiene Alltagsmasken) erwirkt. An den letzten Schultagen singen wir mit drei Metern Abstand im großen Kreis auf dem Schulhof. Die Kinder sind glücklich! Die Projekte laufen gut.
im Juli
Anträge schreiben, Anträge schreiben, Anträge schreiben. Wie geht es weiter?

12. August
 / Vorschulkinderverabschiedung im Park auf der Bühne. Davor auf Picknick-Decken Familien im Gras. Alles passiert mit großem Respekt und sehr still und wertschätzend.

17. August / 
Schulbeginn. Jede Klasse hat einen anderen Stundenplan. Pausen sind versetzt. Außerdem gibt es einen Wasserschaden in der Schule. Wir können nicht mehr in die Turnhalle. Man darf keinen Sitzkreis machen. Die Lehrer*innen begegnen sich nicht mehr im Schulalltag.

31. August – 4. September
 / Ich mache ein Schulprojekt an einer Montessorischule in Bad Dürkheim. Damit ich singen kann, arbeite ich mit bis zu neun Gruppen je sieben Kindern über den ganzen Tag.

20. September
 / Nun galoppiert das Geschehen. Wir erhalten jetzt einige Förderzusagen. Bald wird vielleicht umgebaut im Kunsthaus. Draußen und drinnen.

21. September
 / Die Dachse sind weg, weil der Wald abgeholzt wird wegen der Trockenheit und dem Käfer. Da ist kein Wald mehr.

25. September
 / Die Infektions-Zahlen steigen wieder …

27. September
 / Ich nehme – auch aktiv musikalisch – an einer Verabschiedungsfeier unter Corona-Bedingungen für eine Kita-Leiterin teil. Die zweite Veranstaltung, die in dieser reduzierten, eingeschränkten Form überzeugt. Wenige Redner. Kurze Beiträge. Ich fühl mich im Abstand geschützt vor internem Klatsch. Im Gottesdienst zuvor darf nicht gesungen werden, aber gesummt. Die Pfarrerin spricht derweil die Texte. Ich summe gerne mit. Endlich muss ich nicht mehr an Stellen, die ich inhaltlich nicht vertreten kann, schweigen. In dieser Veranstaltung kommt alles klar zum Punkt. Man hört sich gegenseitig zu und zeigt Respekt.

10. Oktober / 
Ich werde von einem geplanten Schulprojekt ausgeschlossen. Die Schule lässt keine „Externen“ mehr ins Haus. Beginnt alles von Neuem?

19. Oktober
 / Der Kreis Altenkirchen ist jetzt Hotspot. Nach einer Hochzeit in der evangelischen Baptistengemeinde Altenkirchen infizieren sich zahlreiche Gäste. An der Fassade des Bethauses steht: „Ich bin der Herr, dein Arzt – nach Mose 1, 15,26“. In meiner Bibel existiert dieser Vers nicht (Kapitel 15 geht nur bis Vers 21).

26. Oktober
 / In einer Kita darf ich jetzt nicht mehr singen (später wird das wieder zurückgenommen).

27. Oktober
 / Ein neuerlicher Workshop im Rahmen der Berufspraktikantinnen-Ausbildung wird abgesagt, da den Trägern der elf Praktikumseinrichtungen die Sache zu heiß ist.

28. Oktober / 
Wir erhalten zwei weitere Zusagen für Corona-Stipendien-Arbeiten vom Land Rheinland-Pfalz. Das Geld ist je am nächsten Tag auf unserem Konto.
Eine weitere Kita teilt mir mit, dass ich in den nächsten zwei Wochen nicht in die Kita kommen soll. Drei Tage später erfahre ich, dass in dieser Kita zwei Kinder infiziert sind. Die Kita ist bis Ende November geschlossen. Die monatlichen Zahlungen laufen aber weiter (zumindest bis zum Ende des Jahres). Am letzten Termin vor den Herbstferien war ich nicht in die Kita gegangen, da es mir nicht so gut ging und wir viel Antragsstress zu Hause hatten. Auf Grund dieser Tatsache muss ich nun nicht zum Test und nicht in die Quarantäne …

29. Oktober
 / Ein neuer Lock-Down wird beschlossen.

3. November
 / Eine weitere Kita will mich nun auch nicht mehr hinein-lassen – und es darf da nicht mehr morgens im Stuhlkreis gesungen werden. „Atemübungen jeglicher Art sind nicht zulässig“ (Hygieneplan „Musik“, RLP 17.8.2020).

7. November
 / Nun geht doch wieder mehr. Viele merken, wie wichtig Kunst und Musik für die Kinder ist. Die 12. Corona-Verordnung des Landes sieht zwar neue Regeln vor, schließt aber musikalische Angebote nicht aus und unterstützt gerade zu externe Angebote in den Einrichtungen.

9. November
 / Neue Zusagen über Corona-Hilfen treffen ein. Ich finde jetzt, dass unser Bundesland viel tut. Natürlich profitieren wir davon, dass wir ein Musikbetrieb sind. Die Solo-Künstler und Solo-Musiker haben es viel schwerer. Und da läuft nicht alles rund von Land und Bund!
Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen deswegen.
Allerdings steht bei uns aber auch sehr viel auf dem Spiel und mit damit auch für viele andere, die von unserer Arbeit profitieren: Kinder, Erzieher*innen, Lehrer*innen, Publikum, Künstler*innen, mit denen wir zusammenarbeiten und die auch über unsere Projekte Einnahmen erzielen. Aber auch solche, die das Kunsthaus als Aufführungsort und Seminarort nutzen. Eltern, Freunde, Feriengäste etc.

10. November / Unsere letzte Fortbildung im Hause in diesem Jahr. Wie jetzt öfters ist zwischenzeitlich vorher alles in Frage gestellt. Da müssen wir durch und alle sind nachher zufrieden. Diesmal ist alles noch etwas strenger. Wir tragen immer Masken, nur am Platz nicht, so wie in der Grundschule.

13. November / 
Ich reiche mein erstes Stipendien-Hörspiel ein und stelle den Antrag auf eine zweite Stipendienförderung.

20. November 
/ Der öffentliche Streit für oder gegen die Maßnahmen wird lauter – mit bizarren Ausmaßen: Eine Gruppe „Christlicher Widerstand“ überlegt nach dem Beispiel der Weißen Rose und anderen Widerständler der Nazi-Zeit, ob und wann man gewalttätig werden muss. Ein Pfarrer dieser Gruppe, Vater von sieben Kindern, plädiert aber offen gegen Sex vor der Ehe und Verhütung.
Da drunter läuft die ganze Trump-Geschichte in den USA. Ein abgewählter Präsident, der aber wenig unternimmt, damit das Sterben in seinem Land ein wenig gelindert wird. Dort stirbt gerade alle 44 Sekunden ein Mensch.

25. November 
/ Die Verlängerung des Teil-Lockdowns wird beschlossen. Am gleichen Tag erhalten wir die Förderzusage für den Bau eines Open-Air-Bühnen-Bereichs und für ein Kurzfestival, das wir als Restart-Programm mit dem Titel „open arts“ im Mai und Juni nächsten Jahres durchführen dürfen.

30. November
 / An der Baptistenkirche in Altenkirchen steht jetzt der Spruch verbessert: Es ist das zweite Buch Mose, in der so ein ähnlicher Text unter dem angegebenen Vers steht.

bis hierher … heute, 1. Dezember 2020



 

 

Elke Willems, Entfaltung von Kraft und Persönlichkeit im Spiegel von Natur und Esel  /  Die Eselschule – Lebenskunst für Widerständler
www.elke-willems.de   /  dieEselschule.de

The Coronation – Die Krönung

Bevor ich heute Morgen, 7. August 2020, angefangen habe zu schreiben, habe ich meinen Morgenkaffee auf den Stufen vor meiner Haustür genossen und den Schwalben zugehört, die mir auf den Stromleitungen überm Dach ein fröhliches Lied zwitscherten. Auf der Wiese unter den Kirschbäumen sägt ein Schwarm Wespen die herabgefallenen Kirschen klein und trägt sie nach Hause, um die Kinder zu füttern. Und irgendwie wundere ich mich wieder mal, wie so oft, wie die Natur völlig unbeeindruckt von unserem Tagesgeschäft aus Nachrichten, Neuinfektionen, Verschwörungstheorien, Maskenpflicht, Demonstrationen und den vielen Fragezeichen ihren täglichen Gang geht.

Es wird gearbeitet, geboren und gestorben, geschwatzt und gesungen, Kinder aufgezogen und gejagt.

Es soll heiß werden, über 30°C, und die nächsten Tage auch bleiben. Ich fühle mich weiterhin gesegnet von den Möglichkeiten, die diese Krise mir verschafft hat. Ich sitze zu Hause in meinem schattigen Büro, bin durch ein Daten-Kabel und ein Telefon verbunden mit der Welt und tue nun endlich noch intensiver das, was ich schon immer tun wollte. Ich webe Geschichten und verbinde sie mit der Welt.
Ich arbeite gerade an meinem zweiten Onlinekurs mit dem Thema „Heldenreise“ und das ist nochmal auf eine andere Weise abenteuerlich als das Arbeiten am ersten Onlinekurs „Der kleine Eselführerschein“, der während der Corona-Hoch-Zeit von Ostern bis zum 15. Mai entstanden ist.

Zeitsprung: 11. März 2020
Ich warte am Bahnhof auf meine Kollegin und TGI-Professorin (TGI = Tiergestützte Intervention), die zu einem Kundentermin mit dem Flieger aus München angereist ist. Völlig selbstverständlich umarmen wir uns, als sie zu mir ins Auto steigt.
Wir besuchen zusammen einen Kunden in einem großen TGI-Projekt, in dem wir gerade in der Vorplanung und Konzeption sind. Soziale Einrichtung – volle Risikogruppe.
Den nächsten Tag verbringen wir in der Nähe bei einer befreundeten Kollegin – Risikogruppe „Vorerkrankungen“ – mit der Ausarbeitung einer Projekt-Strategie. Es soll möglichst schnell losgehen. Selbstverständlich sitzen wir am Tisch und essen zusammen und umarmen uns beim Abschied. Was danach kommen würde, war mir auch nicht wirklich klar.
Es wurde schon irgendwie in den Medien über Abstandhalten, Händewaschen und die ganzen Sicherheitsmaßnahmen gesprochen. Dieses Stadium heißt „Verdrängung“ in der Bewältigungsstrategie von Veränderungen und ich als Fachfrau für Veränderungsprozesse war geschockt darüber, wie es mich selbst erwischt hatte.
Auf dem Nachhauseweg begannen die Nachrichten zu berichten, dass ab der nächsten Woche die Schulen geschlossen werden und München kristallisierte sich als Hotspot heraus.

Die nächsten 14 Tage verbrachte ich in Sorge zu Hause, hypersensibel für die bis dahin bekannten Symptome und mit meinem schlechten Gewissen: Was ist, wenn ich durch meine Unachtsamkeit jemand gefährdet habe? Der übliche trockene Winter-Husten und Atem-Not (aus Stress und Rückenschmerzen) plagten mich und ich war müde.

Ich lese gerne einen internationalen Astroblog und die Aussage von Heather Roan Robbins, die selbst infiziert war: „Die Idee sich da raushalten zu wollen, ist, wie wenn man versucht, sich im Swimmingpool eine Pinkel-Ecke einzurichten!“ traf das Ganze für mich exakt auf den Punkt.
Die nächsten Tage verbrachte ich mit obsessiven Zahlenspielen in der Projektplanung. Der verrückte Versuch, eine nun unplanbare Zukunft zu berechnen: „Wir müssen gut überlegen, was wir tun werden, wenn die Krise vorbei ist, und wie wir die Zeit dazwischen gut nutzen können“, sagte ich zum Kunden, der gerade versuchte, seine Soziale Einrichtung vor einem Massensterben bei einer Infektion zu bewahren. Blabla oder wie wir in der systemischen Beratung sagen: „Auf dem Oberdeck der Titanic die Liegestühle richten, wenn man einen Eisberg getroffen hat“.

Schließlich realisierte ich: Ok, die Heldenreise der Welt hat begonnen.

Die erste Phase Trennung, Isolation ist eingetreten. So viel war klar: Das ist eine große Veränderung und die Kräfte, die hier wirken, sind weit größer als ich. Metamorphose – der Prozess der Wandlung. Also: Loslassen und dem natürlichen Prozess der Veränderung vertrauen, so wie ich das in meiner Arbeit am Esel und der systemischen Beratung blind und sicher tue.
Es war kurz vor Ostern und ich glaubte damals noch fest daran, die ganze Sache würde sich mit den drei Tagen der üblichen Reise durch die Unterwelt zwischen Karfreitag und der Auferstehung wieder regeln – wow, was für eine Fehleinschätzung!
Dennoch war ich von mir selbst überrascht, wie sehr ich mit den sogenannten „Zwangsmaßnahmen“ als Teil des Prozesses einverstanden war und auch noch bin.
Ich – diejenige, der Freiheit und Selbstbestimmung das allerwichtigste sind!

Ein Statement aus meinem internationalen Netzwerk der Visionssuche-Leiter traf es dann und bestärkte mich in meiner Haltung. Es ist unsere Verantwortung, die Ältesten und Gefährdeten zu schützen und das bedeutet vielleicht den Verlust von Annehmlichkeiten und Einschränkung meiner persönlichen Freiheit.
Seit einigen Jahren bin ich Mitglied in einem internationalen Netzwerk von Menschen, die sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, Mensch und Natur wieder zu verbinden. Wir treffen uns regelmäßig zu Fortbildungen und in sogenannten Councils, in denen wir mit den „Ältesten“ und der Gemeinschaft zu Rate sitzen. Es geht um die Themen jedes Einzelnen in Verbindung mit sich und der Welt. Wie kann jede/r seinen Beitrag zu einem sinnvollen Leben leisten? Wie können wir die Erde für uns alle und die nächsten sieben Generationen erhalten?
Ich mache in regelmäßigen Abständen „Solozeiten“, um meinen Kopf zu klären, d.h. ich bin alleine draußen in der Natur oder in einem vorgegeben Rahmen, z.B. Kloster, Council, Gruppe. Also war für mich der Shutdown erst mal nur eine weitere Solozeit, etwas, in dem ich gut geübt bin.

Die drei Phasen der Veränderung
Veränderungsprozesse verlaufen in drei Phasen:
– Trennung

– Übergang/Passage, auch „Dazwischen“

– Wiederangliederung
In der Phase Dazwischen gibt es strenge Vorgaben im Außen, einen festen Rahmen, der an Zwang grenzt (die „4 K“ sind Kloster, Knast, Kirche, Krankenhaus) und stark eingeschränkte Freiheiten durch die Passage.
In alten Natur-Kulturen trägt man Masken um das „Böse“ abzuwehren. Eine symbolische Handlung, um unter dem Schutz der Maske und dem vorrübergehenden Annehmen einer neuen Identität, dem noch unfertigen Neuen einen sicheren Raum und die Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln. In der Metamorphose wäre das die „Verpuppungsphase“, in der sich die alte Form auflöst. Ein starrer Kokon oder die Schale, die das noch flüssige Neue hält und aus allen Bestandteilen des Alten entsteht die neue Form des „Imago“: Des Erwachsenen.
In dieser Phase geht es immer um die Abnabelung und die Entscheidung zwischen Leben und Tod und das Risiko, dass es schiefgeht.

Das Netz, das mich trägt
Ich bin seit einiger Zeit chronisch krank und kann nicht Vollzeit arbeiten. Deshalb bin ich immer noch auf Unterstützung des Sozialstaates Deutschland angewiesen und dafür bin und war ich sehr dankbar. Das hat mich durch meine letzte Krise getragen und sichert mich immer noch ab. Es gab für mich schnelle, unkomplizierte Hilfe. Einfach automatische Weiterverlängerung. Meine Betriebs- und Lebenshaltungskosten sind ohnehin, seit ich mit Unterstützung lebe, auf ein Minimum reduziert. Also habe ich keine Corona-Förderung beantragt und nach Alternativen gesucht.
Im Rahmen meiner Möglichkeiten möchte ich meinen Beitrag leisten und bin solo-selbstständig. Nicht arbeiten kommt nicht in Frage, dafür ist mir meine Arbeit viel zu wichtig.

Trennung/Lockdown
In einer ersten Aktion stellte ich, soweit möglich, alle meine Kundentermine auf Telefonberatung um: Krisenbegleitung, Seelsorge, Mut machen, Anliegen klären, der Angst einen Raum geben. Hier entstand dann die Idee des „Drachencafés“: Welches Monster bedroht dich heute und kannst du es auf einen netten Plausch zum Cappuccino einladen?
Ich versank in einer absurden, digitalen Parallel-Welt.
Manchmal hatte ich den ganzen Tag das Telefon-Headset am Ohr und war dann abends völlig geflasht. Das Reha-Schwimmbad war zu, mein Schmerzpegel kurz vor unerträglich. Nur noch „Pain Party“, dem Schmerz Raum geben, das, was mich durch die Krise nach dem Tod meines Mannes getragen hatte, half meistens. Und wohin mit meiner Angst?
Also war ich jeden Tag zweimal im Wald. Laufen, Waldaerobic, Tanzen, Rock´n roll-Musik auf volle Lautstärke (im Kopfhörer oder im Büro), eine Rudermaschine kaufen und in meinem Wohnzimmer auf der Stelle rudern, seitenweise Corona-Tagebuch schreiben, und mich in Bewegung in der Natur draußen abreagieren oder still irgendwo sitzen und Löcher in die Luft starren.

Übergang / Passage

Hier begann für mich der wirkliche Heldenreisenteil. Vor Ostern entstand dann mit dem Haus Felsenkeller die Idee, meinen Kurs „Eselschule“ auf ein Online-Angebot umzustellen, da irgendwie klar war, dass bis zum 15. Mai keine Präsenzveranstaltungen möglich sein würden.
Christoph Weber war der Mensch auf der anderen Seite, der mit unendlicher Geduld diesen Prozess gehalten und getragen hat. Wow! Dafür nach wie vor meine große Hochachtung und mein herzliches Dankeschön.
Tagelang suchte ich passende Fotos, Texte und Videos aus meinen Leben mit den Eseln raus. Es war wie ein gigantisches, interaktives, Multimedia Foto-Video-Album, in dem vieles, was dort abgebildet ist, in der Realität gar nicht mehr existiert. Mit Schwerlastverkehr auf der Datenautobahn und streckenweise täglichen Telefonaten.
Es war gleichzeitig ein Abschiednehmen der Arbeit der letzten 15 Jahre und die Geburt einer neuen Form und Struktur. Es sah zuerst gar nicht so anders aus und trotzdem hat es in mir alles verändert und nach und nach wurde mir klar:
Das ist jetzt das Buch, das ich seit zehn Jahren schreibe und es hat gerade erst mal angefangen. Nun ist es da! Interaktiv mit realem Kontakt zu Menschen und kann sich ständig neu entwickeln, wachsen und lebendig sein.
Das Drei-Welten-Modell, angelehnt an die drei Phasen der Wandlung, ist in mir entstanden und das wird die Struktur sein, die mich durch die nächste Zeit tragen wird. Vielleicht wird in Zukunft nicht mehr randscharf zu erkennen sein, was wir alle bisher als so sicher angenommen haben. Aber genau das ist die Aufgabe einer Ältesten im zweiten Lehrjahr: Sich auf das „Nicht Wissen“ und das große Mysterium der Welt einzulassen und dem Prozess des Lebens zu vertrauen.

Was für ein schöner Anfang und ein gutes Ende.



 

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